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Public Domain 70

PD #070 - Cyber City San Fr@ncisco

Manfred Waffender



Sonntag, 04.02.1996 ab 15:00 Uhr

Zwei Texte aus dem Off:

Sich der rasanten Entwicklung der elektronischen Technologie zu widersetzen, ist ebenso unsinnig wie der Versuch, die Wellen des Meeres aufzuhalten. Es ist nicht mehr die Frage, ob wir die "schöne neue Welt" wollen oder ob wir sie nicht wollen, sondern wie wir sie bevölkern und gestalten werden.

Mit den neuen Kommunikationstechniken kommt ein neues Denken, und mit dem neuen Denken kommen neue Funktionsst√∂rungen. Die Modekrankheit im Cyberspace hei√üt ADD, das steht f√ľr Attention Deficit Disorder und hat unter deutschen √Ąrzten noch keinen eigenen Namen. Was bis vor wenigen Jahren als Diagnose auf Kinder, insbesondere auf wilde, hyperaktive Buben, begrenzt war, wird als Syndrom in zunehmendem Ma√üe auch unter Erwachsenen beobachtet:
  • Konzentrationsschw√§che,
  • Ruhelosigkeit,
  • Zauderhaftigkeit,
  • Verge√ülichkeit,
  • chronisches Zusp√§tkommen.
Und als Ergebnis: der Zerfall sozialer Beziehungen.

Zitate:
Howard Rheingold im Film "Cyber City: San Fr@ncisco":

Wann werden wir endlich Zeit haben, die Fragen zu stellen, die Sokrates schon vor 2000 Jahren gestellt hat:

"Was ist das Wahre, das Gute, das Schöne?"
"Wozu gibt es Menschen?"
"Wie sollen wir unser Leben leben?"

Wir haben uns in einer Maschine verfangen, die ihren eigenen Gesetzen gehorcht. Wir leben unser Leben im Tempo der Maschinen, mit der fragmentierten Wahrnehmung der Kommunikationsmedien.

Wollen wir so leben? Wollen wir so werden?

Mark Pesce, Programmierer, im Film "Cyber City: San Fr@ncisco":

Ich versuche in unserer gesamten Arbeit einen spirituellen Blick zu bewahren. Denn Spiritualität ist der Kern unseres Wesens.

Mircea Eliade, ein brillianter Anthropologe, sagte: "Das Heilige ist das, was die Welt ontologisch begr√ľndet." Das Heilige ist das, was das Sein in die Welt setzt.

Wenn wir in den Cyberspace gehen, wenn wir in einer Umgebung miteinander kommunizieren, in der es nichts Heiliges gibt, dann wird dies kein Ort sein, an dem wir sein k√∂nnen. Und wenn wir dennoch dort bleiben, wird uns dieser Ort das Menschliche nehmen. Es sei denn, wir statten diesen Ort mit Heiligem aus. Ich sehe dies als notwendige Einf√ľhrung, um einer Entmenschlichung durch die Technologie entgegenzuwirken.

Das Netz hat seine eigene Energie. Und es gibt den Menschen Energie. Was mir Sorgen macht, ist, da√ü wir zu Surfern werden, die keinen Tiefgang mehr kennen. Wenn wir aber nur dasitzen und an der Oberfl√§che grasen und von einem Ort zum anderen springen, ohne Tiefe, wie wollen wir dann √ľber uns selbst nachdenken - oder hinter einen Gedanken schauen?

Howard Rheingold im Film "Cyber City: San Fr@ncisco":

Es ist noch keine eigene Kultur. Es ist eine Art Zeitgeist. Es will mal eine Kultur werden. Wenn man durch die Welt reist, trifft man Leute, vor allem Männer - aber das ändert sich gerade -, die meisten zwischen 18 und 40 Jahre alt, die viel Geld verdienen. Sie sprechen nicht dieselbe Sprache, aber sie verstehen Unix, sie verstehen Internet und Photoshop. WIRED ist ihr Markenzeichen.

Viele Leute sind m√ľde zu h√∂ren, da√ü in den 60er Jahren das letzte Mal etwas Interessantes passiert ist. Sie wollen ihre eigene Kultur. Es ist noch keine Kultur, weil noch keine eigenen Werte entstanden sind.

Die Gegenkultur hatte ihre eigenen Werte: Gegen den Krieg, gegen Rassismus, stattdessen Nonkonformismus und selbständiges Denken.

Und das selbständige Denken ist auch heute wichtig. Heute heißt es: "Kauft nicht die vorgefertigten Medien von Sony und IBM! Macht Euch Eure eigenen!"

Es gibt eine einzigartige Geschwindigkeit hier in San Francisco. Alle sind auf der Suche. Und das erzeugt ein Wettbewerbs-Klima. Alles wird schneller - alle arbeiten an derselben Sache. Es passiert viel in den unterschiedlichen Bereichen, aber alles geht in die gleiche Richtung. Und das hei√üt: die Entwicklung neuer Werkzeuge, neuer Medien und neuer Sprache f√ľr ein neues Zeitalter [new age] oder eine neue Kultur.

Man ist auf der Suche ... ... da herrscht ein Fieber ... die Viren, √ľber die man vor 5 Jahren anfing zu reden, welche die Computer infizierten, die kriechen jetzt in unser Leben. Jeder redet √ľber AIDS, gerade hier in San Francisco, aber es gibt auch Viren, die aus dem Computer kommen, zum Beispiel ADD [Attention Deficit Disorder] - wobei das eher ein kleines √úbel ist. Es gibt ganz andere Viren, die wir gerade beginnen wahrzunehmen.

Mark Pesce, Programmierer, im Film "Cyber City: San Fr@ncisco":

Wir waren schon immer dort. Cyberspace ist ein Ort in unseren Köpfen.
Kultur existiert im Cyberspace.

Ich war gerade einen Tag auf dem Land, und als ich zur√ľckfuhr nach San Francisco, blickte ich von einem Steilufer aus auf die Stadt. Ich sagte mir: "Diese Architektur ist auch Cyberspace, sie wurde von Menschen geschaffen, sie existiert in unserer Vorstellung. Die Tatsache, da√ü es sie gibt, beruht darauf, da√ü wir sie uns vorgestellt und sie gebaut haben."

Cyberspace im Reich des Computers ist nichts anderes.

Sabine Messner, Online-Designerin bei WIRED, im Film "Cyber City: San Fr@ncisco":

Ich glaube, daß wir fast schon auf 'ne Art gezwungen sind, viel zu vergessen, wieder viel rauszufiltern, weil ... ich glaube, daß wir in einem Informations-Überschuß leben.

F√ľr mich ist das auch nochmal so ganz deutlich geworden, seitdem ich hier bin:

Die F√ľlle von Informationen, die durch mich hindurchflie√üt, also sozusagen durch meinen K√∂rper, durch meine Hand, durch die Maus, durch den Computer, durch den Server ins Netz raus, ist jeden Tag gigantisch.

Und manchmal hab ich so das Gef√ľhl, wenn ich dann abends nach Hause komme, es ist mir zuviel, es ist mir manchmal einfach zuviel, und ich m√∂chte dann eigentlich aufschreiben und m√∂chte irgendwie so irgendwas festnageln, weil ich denke: "Ah, da waren interessante Sachen dabei."

Und andererseits denke ich so, ich muß es auch als Selbstschutz wirklich vergessen.


Manfred Waffender, Autor und Regisseur, zeigt seinen Film 'Cyber City San Francisco', in dem die Online-Scene San Franciscos portraitiert wird.


Sonntag, 04.02.1996 ab 15:00 Bunker Ulmenwall


Zusammengestellt von Wolfgang Doelz in: /CL/MEDIEN/VERNETZUNG